Hintergrund…

…oder Richard Brautigan erfindet Blogs?

Natürlich hat diese Seite und insbesondere der Name Vida eine Geschichte. Vida ist eine der Hauptfiguren in dem Roman „The Abortion“ von Richard Brautigan.

Nun ist es sicherlich nichts aussergewöhnliches Richard Brautigan zu kennen oder zu lesen. Das besondere liegt hier eher darin, den richtigen Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Ich würde dabei sogar noch weiter gehen als Hans-Peter Kraus und sagen: Richard Brautigan nimmt in seinem Buch bereits das „Internet Blogging“ in Form der „Anderen Bibliothek“ vorweg, nämlich als einen Ort an den jedermann etwas bringen kann, und in dem steht was er für aufschreibenswert hielt. Das Aufgeschriebene wird in einem zentralen Katalog festgehalten, und anschliessend taucht das Geschriebene ungelesen in einem riesigen Fundus unter.

Ich hoffe im Falle von www.vida.de allerdings, daß die Seite letztlich doch gelesen wird, und die Möglichkeiten der Kategorisierung, Tagging, Permalinks, Google etc. nicht verpuffen.

Die „Andere Bibliothek“

„…
Wir verwenden weder Deweys Dezimalklassifikation noch irgendein anderes Katalogisierungssystem, um unsere Bücher zu registrieren. Wir verzeichnen ihren Eingang in der Bibliothek im Bibliotheks-Hauptkatalog, und dann geben wir das Buch dem Autor wieder zurück, und es steht ihm frei, es überall in der Bibliothek, wo er nur will, einzustellen, ganz gleich, in welches Regal. Wo es ihm eben gefällt.
Es kommt überhaupt nicht darauf an, wo ein Buch steht, weil nie jemand zum Lesen kommt. So eine Bibliothek ist das hier nicht. Dies ist eine andere Bibliothek. …“
Aus: Richard Brautigan, Die Abtreibung: Eine historische Romanze 1966, S. 18, Rowohlt

Ich betreibe seit 1996 verschiedene Websites unter anderem unter der Adresse http://www.vida.de , denn schon damals hatte mich die Idee der „Anderen Bibliothek“ fasziniert. Dieser Tage habe ich wieder ein Web-Projekt gestarted, und meine alte Adresse, die mich jahrelang nur als E-Mail-Adresse begleitet hat, ist wieder einmal Bestandteil dessen. Diesmal ist es ein Photo-Blog und sicherlich wird es dort eben auch wieder Bezüge zu dieser besonderen Geschichte der Vida aus dem Buch von Richard Brautigan geben.

Genug der Rätselei hier die Auflösung:

Vida

„…
Sie hatte ein unglaublich zartes Gesicht, wunderschön, und langes schwarzes Haar hing um ihre Schultern wie Fledermausblitze, aber da war noch etwas …
»Hier ist mein Buch«, sagte sie.
»Wovon handelt es denn?« fragte ich; ich hielt das Buch in der Hand und spürte, wie etwas fast Feindseliges von ihm ausging.
»Es handelt von dem da«, sagte sie, und plötzlich knöpfte sie, fast hysterisch, ihren Mantel auf und riß ihn auf, als wäre er die Tür zu einem schrecklichen Keller voller Folterinstrumente, Schmerzen und unerhörten Geständnissen.
Sie hatte einen blauen Pullover an, einen blauen Rock und diese schwarzen Lederstiefel, wie man sie heute trägt. Sie hatte einen phantastisch vollen und entwickelten Körper unter ihren Kleidern, bei dessen Anblick die Filmstars und Schönheitsköniginnen und Revuemädchen vor Neid bittere Schminke abgesondert hätten.
Ihre Formen waren zum Äußersten dessen entwickelt, wovon der Mann der westlichen Hemisphäre in unserem Jahrhundert träumt, die großen Brüste, die winzige Taille, die vollen Hüften, die langen Playboy-Möbelbeine.
Sie war so schön, daß die Werbeleute einen Nationalpark aus ihr gemacht hätten, wenn sie sie in die Finger bekommen hätten. Auf einmal strudelte es in ihren Augen wie in einem Tümpel, und sie fing an zu weinen.
»Das Buch ist über meinen Körper«, sagte sie. »Ich hasse ihn. Er ist zu groß für mich. Er gehört jemand anderem. Nicht zu mir.«
Ich langte in meine Tasche und holte ein Taschentuch und einen Schokoladenriegel heraus. Wenn jemand Kummer hat oder Sorgen, dann sag ich ihm immer, daß alles gut werden wird, und geb ihm einen Schokoladenriegel. Das verblüfft die Leute, und es tut ihnen gut.
»Es wird alles gut werden«, sagte ich.
Ich gab ihr ein Milky Way. Sie hielt es in ihrer Hand und starrte es verblüfft an.
…“
Das Buch gibt es übrigens wieder. Es ist jetzt beim Kartaus Verlag in einer überarbeiteten Übersetzung von 2007 verlegt.

Schreibe einen Kommentar


*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.